Yogablog

Basics

9 Jan 2014

Mira Mehta zeigt die klare Verbindung zwischen Yoga, den Asanas und dem ayurvedischen Konzept. Sie kommt bei ihren Seminaren, in diesem Zusammenhang, aber auch wieder zurück zu den Basics der Asanas - und das ist auch gut so. Wir brauchen gute Grundlagen, auf denen wir weiter aufbauen können. Heutzutage ist leider oft schon viel verfälscht, bewusst oder unbewusst, verändert, vereinfacht, was mit dem Ursprünglichen nicht mehr übereinstimmt, aber so verbreitet wird.

Dazu gehört auch das Erlernen der Asanas selbst - und zwar aller Haltungstypen - auch derer die Mann/Frau nicht gerne übt. Erst das gibt dem körperlichen Üben ein Ganzes. Diese Haltungstypen sind: Stehhaltungen, liegende Haltungen, schnelle Übungsreihen, Drehungen, Rückbeugen, Vorwärtsbeugen, Umkehrhaltungen und regenerative Asanas, die alle geübt werden sollten. Und genau dieses gesamte Übungskonzept, »Yoga The Iyengar Way«, bereitet in einer sichern Art und Weise auf Pranayama, Konzentration und Meditation vor.

Warum indische Schuster keine Prostata Probleme haben

9 Jan 2014
Indischer Schuster im Schustersitz
Untenrum gesund: Schuster im Schustersitz
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Mann im Yogasitz
BKS Iyengar praktiziert den Schustersitz oder lt. Sanskrit: Baddha Konasana
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Laut einer Statistik über Berufskrankheiten, haben indische Schuster keine Unterleibserkrankungen, weder an Prostata, Darm oder Blase, weil sie ihre Arbeit im »Schuster-Sitz« verrichten. Der »Schuster-Sitz«, im Sanskrit oder Yoga, bekannt als »Baddha Konasana«: Sitzen mit angewinkelten Beinen, Fußsohlen aneinander, Fußaußenkanten am Boden, Wirbelsäule aufgerichtet.

Baddha Konasana fördert aktiv die Durchblutung des Beckens, dehnt Becken und Leisten, stabilisiert die Iliosakralgelenke, lindert Ischias-schmerzen, hilft bei Hitzewallungen, stärkt Nieren und Prostata, auch eine sehr gute Übung in der Schwangerschaft, als Geburtsvorbereitung und bei Menstruationsbeschwerden.

Tapas – glühendes Streben

4 Jan 2014

Das innere Feuer, sowohl in der Yoga-Übungspraxis als auch im Alltag, begleitet von einer achtsamen Selbstbeobachtung, die geprägt ist von der inneren Haltung der vertrauensvollen Hingabe für die Erfahrung der Gegenwart, offenbart spirituelle Erkenntnis. Tapas bedeutet auch innere Askese, bewusst einmal Dinge tun, die der Geist nicht mag, um innere Stärke zu erlangen. Die höchste Form der Askese ist Geduld. Aber Vorsicht: wenn wir uns im Streben nach Stärke überlegen vorkommen oder meinen, über anderen zu stehen, dann können wir sicher sein, dass gerade etwas schief läuft. Es sind Hingabe und Demut, die uns zur Bescheidenheit zurückbringen.

Der Yoga-Weg ist ein Weg nach innen, in die innere Freiheit. Das Leben in Freiheit bedeutet: aufhören zu wählen. Da nie ein Zwang, weder zum Wählen noch zum Nicht-Wählen, bestehen darf, ist die Freiheit im Sinne des Yoga, dass die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen, weil wir die Freiheit nutzen, weder zu wählen noch nicht zu wählen. Dadurch wird Raum zwischen Gedankenleere und Gedankenfülle geschaffen. Die Balance in der Gegenwart, die Gegenwart, das Hier und Jetzt, ist eine unendlich winzige Zeiteinheit. In der Gegenwart zu leben bedeutet, von der Vergangenheit und der Zukunft getrennt zu sein. Auf diese Weise kann die Zeit nicht fließen. Savasana kann uns den Schlüssel zum Verständnis dafür liefern: Gelingt es uns, die Gegenwart als immerwährenden Moment zu betrachten und nicht als zusammenhängende oder nebeneinandergestellte Augenblicke, dann befinden wir uns im Hier und Jetzt, in diesem einen Atemzug. Wir sind dann frei von allen Spannungen und brauchen nicht mehr wählen, weil es genau in diesem Augenblick kein Vorher und kein Nachher gibt. Wir sind in unserer wahren Identität gefestigt, die sich zur vollkommenen Freiheit und Schöpfungskraft in einer zeitlosen Dimension entfaltet.

Ist man im Yoga vollkommen absorbiert, so dass vergangene Eindrücke sich nicht einmischen, sondern nur der Augenblick zählt, in dem man durch verbessertes Tun Vollkommenheit und Genauigkeit anstrebt, dann wird Yoga spirituell. Spiritualität ist kein Ziel, das wir äußerlich anstreben, es ist ein Teil in uns, den wir enthüllen müssen, weil Seele und Geist nicht vom Körper getrennt sind. Spiritualität beschreibt die Suche nach Gott und den Sinn des Lebens. Wer aber wiederum Gott begegnen will, muss ganz gegenwärtig sein, sich öffnen und eine Sehnsucht spüren, sich auf den Weg einzulassen. Das kann lebenslanges Üben bedeuten und dass sich die Früchte des Übens vielleicht erst viel später oder auch gar nicht zeigen. Es gibt dann keine Trennung mehr zwischen Asana, Pranayama, Spiritualität, Alltag und Meditation. Und selbst, wenn ich mein Ziel spät oder nie erreiche, was kann den schon passieren, außer dass ich mich wahrscheinlich auf dem Weg dorthin gesundheitlich sehr viel besser fühle.

Yoga auf die richtige Weise und mit der richtigen Einstellung geübt, bringt weit aus größere Veränderungen mit sich, als nur körperliche Gelenkigkeit. Yoga kann von jedem demütig und ohne Erwartungen geübt werden, denn die höchste spirituelle Erfahrung bleibt ein Geschenk.

Für Mr Iyengar sind Asana und Pranayama am Bedeutendsten. Durch diszipliniertes, beständiges, hingebungsvolles Üben und Dabeibleiben werden, die ethischen und spirituellen Grundhaltungen immer mitgeübt, verfeinert, gefördert und die Klesas im Laufe der Zeit überwunden. Asana-Praxis stärkt und heilt Körper und Geist und bereitet sie auf Pranayama vor. Asana und Pranayama helfen, den Geist vom Körper loszulösen.

Die Beobachtung des Atemflusses lehrt uns auch die Stabilität des Bewusstseins und führt zu Konzentration und Meditation. Es gibt keine bessere Methode. Prana erschafft, verteilt und erhält Lebensenergie. Nur wenn der Atem mit der Bewegung synchronisiert ist, können wir unseren Körper im Asana vollkommen dehnen.

Mit Pranayama beginnt das Abziehen der Sinne und es bringt Frieden. Pranayama lehrt uns deshalb Demut und Bescheidenheit, weil es nicht erzwungen werden kann. Wenn dann der Verstand zu schweigen beginnt, sind wir im Pratyahara dem »Rückzug der Sinne«. Pratyahara befreit von Bindungen und Wünschen. Wir werden ruhig, zufrieden und empfangen neues Wissen und Verständnis vom Leben. Dharana ist Konzentration oder vollkommene Aufmerksamkeit, gedankenvoll gedankenlos zu sein, ist gleichzeitig Konzentration und Meditation. Der gedankenvolle Zustand erfordert absichtliche Aufmerksamkeit. Gedankenlos zu bleiben, erfordert ebenfalls absichtliche Aufmerksamkeit. Folglich gibt es eigentlich gar keinen gedankenleeren Zustand. Man wird nicht leer. Man bleibt voll und voll bewusst. Das ist Dharana, das mit der Zeit, in einen Zustand totaler Ruhe mündet, Dhyana.

So müssen Asanas ausgeführt werden, müheloses Verweilen im Asana, ganzheitlich involviert, vollkommen absorbiert, konzentriert, reflektierend, nur der Augenblick zählt, in dem man durch verbessertes Tun Vollkommenheit und Genauigkeit anstrebt, dann wird Yoga spirituell und kann zu Samadhi führen. Letztendlich muss sich das spirituelle Leben im Alltag verwirklichen und bewähren. Jeder Augenblick des Lebens und jede Handlung geschieht in liebender Hingabe an Gott. Gelebte Ethik, Yama und Niyama, sind die Konsequenz und nicht die Voraussetzung für den spirituellen Weg.

Wahrheit ist einfach. Die Komplexität des Verstandes zurück zur Einfachheit zu führen, ist das Ziel des Yoga. Diese Einfachheit kommt mit der Praxis des Pranayama. Pranayama oder Atemtechnik ist das eigentliche Herzstück des Yoga. Prana ist die kosmische Energie oder Lebensenergie. Ayama ist die Weitung, Dehnung, Speicherung und Verteilung dieser Energie. Solange der Atem ruht, ruht Prana und folglich auch der Verstand. Der Atem ist der Spiegel der Seele. Frei fließender Atem löst Spannungen im Asana und bringt die Qualität von Vairagyam [[Loslassen, frei sein von Begierden]] und Prathyahara ins Üben. Das Asana synchronisiert mit Pranayama muss das gesamte Sein des Ausführenden mit Glanz und Schönheit umhüllen. Das ist spirituelle Praxis in physischer Form.

Pranayama lässt sich nicht erzwingen, sondern fordert, dass der Übende bereit ist, zu empfangen. So lehrt uns der Atem Bescheidenheit und Empfänglichkeit und ein aufgeblähtes Ego wird weich und zur Demut geführt. Wo der Geist ist, da ist auch der Atem und wo der Atem ist, da ist auch der Geist. Wenn man den Atem kontrollieren kann, kann man auch den Geist kontrollieren und umgekehrt. Nur mit Hilfe des beruhigenden Atems kann »zur-Ruhe-kommen-des-Geistes« erreicht werden. Wenn der Atem ruht, ruhen auch die Gedanken. Sobald man die Bewegungen des Zwerchfells kontrollieren kann, kehrt im Inneren Stille ein. Wenn die Bewegungen des Bewusstseins zur Ruhe kommen, erkennen wir, dass die Bewegung des Bewusstseins etwas anderes ist als das Bewusstsein selbst. Das Gehirn wird ruhig, leer, empfänglich und der Intellekt verteilt sich gleichmäßig überall. Die Seele kommt zum Vorschein – und das Bewusstsein beobachtet still und wach den Atem.

Wenn der Geist der König der Sinne ist, dann ist der Atem der Meister des Geistes. Aber der Weg dorthin bedeutet unermüdliches, diszipliniertes Üben. Ein Schüler sollte vor allem Liebe, Mäßigung und Demut hoch schätzen. Liebe erzeugt Mut und Mäßigung, schafft Fülle und Demut und gibt Kraft. Mut ohne Liebe ist gewaltsam, Fülle ohne Maßhalten führt zu Selbstverhöhnung und Verfall. Macht ohne Demut bringt Hochmut und Tyrannei hervor.

Das Leben lebt sich selbst – wir sind nur beteiligt daran. Wir sind ein Teil des göttlichen Lebens, wenn wir es ernst nehmen. Ich trage den Leib in mir, in meinem Körper. Leib leitet sich ab von leben, lieben, loben, die einander bedingen. Da wo ich bin, ist Gott, in dem einen Atem, der den versteckten göttlichen Atem in sich trägt. Die Einheit in der Zweiheit. Da spricht das unsagbare Geheimnis: »Komm aus der Dimension der Zeitlichkeit in die Dimension der Ewigkeit« – von der Körperlichkeit auf den Weg der Leiblichkeit. Man braucht sich nur dafür zu öffnen und der Sehnsucht freien Lauf zu lassen. Hingabe, das Absichtslose an sich geschehen lassen. In dem einen Asana ist das aktive Nicht – Tun! Den Leib kann keiner zerstören, er wird von der Ewigkeit getragen. Nicht: Wir haben – sondern: Wir sind! Fällt die Hülle, ist das von ihr umschlossene frei und breitet sich aus, in das Unendliche und in die Ewigkeit – wovor sollen wir dann noch Angst haben?

Samskaras – Gewohnheiten verändern

9 Dez 2013

Gewohnheiten verändern, die ich ändern kann, erfordert Mut und Kraft. Für alles, was ich ändere, übernehme ich die Verantwortung, arbeite zielstrebig und kreativ darauf hin zu, muss dann aber auch bereit dazu sein, wieder loszulassen, zulassen, annehmen und Gott vertrauen, so befreit von Hindernissen, dann kann Gutes entstehen. Tun und Sein, als Parallele zu Abhyasa (fortdauernder und entschlossener Übung) und Vairagya (loslassen, frei sein von Begierden), die zusammengehören. Nur wenn sich beide die Waage halten ist es möglich, die inneren Bewegungen zur Ruhe zu bringen. Es ist die Balance zwischen Tun und Sein, der Ausgleich zwischen dem Annehmen seiner selbst und der Entschlossenheit, das an sich zu ändern, was geändert werden muss.

Eingefahrene Verhaltensmuster sind meist tief im Unterbewusstsein eingelagert. Es liegt in unserem eigenen Interesse, positives Handeln zu betonen und eingefahrene Gewohnheiten immer mehr zu befreien. Mit Hilfe von Yoga können wir Samskaras erkennen, ausfindig machen, und beginnen, uns davon zu befreien oder in einer Form von Konditionierung in gute Gewohnheiten umzuwandeln. Ziel ist nicht einfach, nur schlechte Samskaras zu beseitigen, sondern auch gutes Handeln zu kultivieren, um gute Samskaras aufzubauen. Mit Hilfe von Yoga können wir Strukturen, feste Muster und alte Gewohnheiten wahrnehmen, erkennen, uns damit auseinander setzen, durchschauen, transformieren und wenn nötig auflösen. In der Psychologie wird dieser Vorgang als Verlernen bezeichnet. Verlernen ist ein Prozess, der wieder neu gelernt werden muss. Das was wir am meisten verlernen sollten, ist: das Vermeidungsverhalten. Nur wer seine Grenzen erkennt, kann diese erweitern und überwinden.

Freiheit existiert in unserem Körper, im Geist und in der Seele. Der Yoga-Weg ist ein Weg in die innere Freiheit. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir lernen, uns von unseren Gewohnheiten zu lösen. Wir müssen gutes Handeln kultivieren, um gute Samskaras aufzubauen, die negativen in positive umwandeln, um uns dann ganz davon zu lösen. Langes, einfühlsames, ununterbrochenes Üben von Asana und Pranayama schaffen ein festes Fundament und führen zum Erfolg. Geduld und diszipliniertes Üben entwickeln Willenskraft. Willenskraft ist die Bereitschaft etwas zu tun. Mit Willenskraft und Hingabe schaffen wir einen kontinuierlichen Fortschritt im Bemühen unsere Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Im Yoga beschreiten wir einen Weg und das bedeutet, wir sind in Bewegung. Es ist ein Fehler, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen und sich die Erfahrungen der Vergangenheit wie einen Stempel ins Bewusstsein einzuprägen, auch mechanisches Üben ist nur ein stetes Wiederholen, das den Geist abstumpft.

Gunas, die Grundqualitäten der Natur, sind drei gegensätzliche Kräfte, deren Ausgleich aber der Schlüssel für ein Leben in Balance ist:

  • Tamas (Masse oder Trägheit)
  • Rajas (Energie, Tatkraft, Dynamik)
  • Sattva (Leuchtkraft, Lichtheit)

Das bedeutet, dass wir uns am Anfang im Üben mehr anstrengen müssen, weil Tamas, der Widerstand, die Trägheit im Körper größer ist. Wirkt sich Rajas als Begriffsstutzigkeit im Gehirn aus, ist auch das eine Belastung für Gehirn und Nervensystem. Wir müssen lernen, die Kräfte der Gunas zu beobachten und identifizieren, damit sie im richtigen Verhältnis ausbalanciert sind und die Schönheit von Sattva zum Vorschein kommt. Diese Fähigkeit versetzt uns in die Lage, Schmerzen zu vermeiden und Krankheiten zu heilen. Schmerz ist ein Bestandteil der Asana-Praxis. Schmerz ist der Lehrer. Die spirituelle Haltung ist, dass wir uns beharrlich und ausdauernd Schmerzen annehmen und uns hindurchbewegen, ohne ihnen zu erliegen oder vor ihnen davonzulaufen, um das Gute darin zu sehen. Mit Asana und Pranayama nutzen wir Techniken, unvermeidliche Schmerzen und Qualen zu ertragen und zu überwinden. Asanas helfen uns, höhere Toleranzgrenzen zu entwickeln, um Stress und Druck leichter auszuhalten. Um in einem Asana über längere Zeit zu verweilen, brauchen wir Ausdauer und Durchhaltevermögen. Um es zu meistern, brauchen wir Geduld und Disziplin. Damit unerträglicher Schmerz gelindert oder sogar beseitigt werden kann, muss Spannung und Entspannung in einer Haltung im richtigen Maß eingesetzt werden.

Innere Achtsamkeit, Verfeinerung der Wahrnehmung; sich selbst kennen, achten und verstehen lernen, eigene Achtsamkeit mit ins Üben bringen, Grenzerweiterung durch Dehnen und Entspannen; Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in Umgang mit sich selbst.

Satya (Wahrheit) soll in der Verpflichtung gegenüber anderen im Sinne von Ahimsa (Nichtverletzen) gemildert werden. (Ahimsa-Parama-Dharma) »Nichtverletzten ist die höchste Pflicht.« Nur wenn etwas wahr, hilfreich, freundlich und notwendig ist, soll es gesagt werden, d.h. keine Unwahrheiten, aber auch keine Wahrheiten, die andere verletzen. Ahimsa bedeutet, keiner Kreatur Schmerzen zu verursachen, niemals und auf keine Weise.

Noch bevor wir handeln, können mit bewusster Atmung Reaktionen verlangsamen und im Ausatmen unser Ego hingeben. Die Atempause, der Moment des Innehaltens, gibt uns Zeit und Raum für kognitive Betrachtung, korrigierende Reaktion und Neueinschätzung. Das wird zu einem Endlosprozess, der uns wieder in den gegenwärtigen Augenblick versetzt. Die Vergangenheit spielt keine Rolle und der Blick für die geistige Gegenwart wird geschärft. Erfahrungen aus der Vergangenheit können hier aber auch sehr nützlich sein. Wenn ich das Gefühl habe etwas Falsches zu tun, kann ich aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen, um weiter zu kommen, aber keinesfalls um an Vergangenem hängen zu bleiben. So arbeiten Gewahrsein, Unterscheidungs- und Erinnerungsvermögen zusammen und das kreative Denken führt zu Wissen und Selbsterkenntnis. Wenn sich Gewahrsein mit der Intelligenz verbunden hat, können wir in absoluter Ehrlichkeit sehen und erkennen. Erinnerung ist sinnlos, wenn wir dadurch ständig Vergangenes wiederholen. Erinnerung ist nützlich und notwendig, um auf Zukünftiges vorzubereiten und uns weiter zu entwickeln.

Klesa – zukünftiges Leid vermeiden

12 Nov 2013

So wie es unterschiedliche Arten von Leiden und vielfältige Gründe dafür existieren, gibt es auch Möglichkeiten, diese Leiden und ihre Ursachen abzustellen und Wege um dieses Beenden zu verwirklichen. Ein positiver und konstruktiver Umgang mit dem Leiden ist der Versuch, das Problem zu verstehen und die Ursache herauszufinden, etwas zu ändern und dadurch innere Stärke zu erlangen, dass man etwas tut oder sich zu etwas überwindet, was dem Geist zunächst widerstrebt, um dann loszulassen und die Situation so anzunehmen, wie es ist. Mit Hingabe und Vertrauen zu Gott: Alles ist in Ordnung, wie es ist. Hingabe an Gott ist keinesfalls religiös fanatisch zu verstehen, sondern hundertprozentige Hingabe an das eigene Tun. Ethische Prinzipien sind darauf ausgelegt, das Leben erträglicher zu machen. Tatsächlich kann es besser sein, an keinen Gott zu glauben, und so zu handeln als existiere er, als an ihn zu glauben und so zu handeln als gäbe es ihn nicht. Der Yogaweg ist etwas Verbindendes über alle Religionen und Weltanschauungen hinweg.

Leiden ist wie eine Krankheit, die wir uns alle zugezogen haben. Schmerzen sind ein Art des Leidens und wir alle streben danach, diese wieder los zu werden. Eine andere Art des Leidens ist das Leiden der Veränderung, das wir oft als Genuss und Freude wahrnehmen, die aber meist nur eine Verringerung von Schmerz ist, dessen Folgen lange Zeit verborgen bleibt. Wären beispielsweise Essen und Trinken nur angenehm, dann wären wir umso glücklicher, je mehr wir zu uns nehmen, aber in Wirklichkeit beginnen wir an Körper und Seele zu leiden. Das bedeutet, Genuss und Freuden können durchaus die Natur von Schmerz haben. Leiden können ebenso mit Karma und frühere Leid bringenden Gefühlen wie zum Beispiel Begierde und Hass in Verbindung stehen. Wir werden in Situationen hineingeboren, die wir nicht kontrollieren können und müssen Geburt, Krankheit, Alter und Tod unserem Leben durchleiden, weil wir keine andere Wahl haben. Dazu kommt die Unzufriedenheit, ständig immer noch mehr besitzen zu wollen, ohne dass uns das auch nur ein Stückchen mehr Zufriedenheit bringt. Das ist im Grunde wirkliche Armut. Wir verlieren dadurch den wahren Wert des Mensch-Seins aus den Augen.

Heutzutage ist es normal zu leben, um Geld zu verdienen, aber es sollte genau umgekehrt sein. Wir brauchen Geld, um zu leben, aber es schadet, wenn wir uns zu sehr an materielle Güter hängen. Unser Leben ist begrenzt und auch die Menge dessen, was wir besitzen können. Spirituell können wir uns grenzenlos erweitern. Oft ist es aber auch hier genau umgekehrt, auf der spirituellen Ebene sind wir mit ein bisschen Üben zufrieden, aber auf materiellem Gebiet bekommen wir nicht genug. Das ist der falsche Weg. »Spirituelle Werte sind nicht die Soße auf der Mahlzeit des materiellen Lebens, die man vielleicht nur mal am Sonntag zu Gemüte führt. Sie sind das Hauptgericht, das was uns nährt und aufrechterhält. Materielle Werte sind die Soße, und die können helfen, das Leben außerordentlich angenehm zu gestalten.«

Wir sollten uns viel mehr um Körper und Geist kümmern, die wir allzu oft vernachlässigen, denn gerade Strapazen und Stress verursachen Schmerz und Krankheit und führen zu seelischen Leiden. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, fällt es schwer, das Streben nach Geld für den Sinn des Lebens zu halten. Mitgefühl verleiht dem Leben einen Sinn. Zufriedenheit ist eine Grundlage, welche die Entwicklung von Achtsamkeit unterstützt. Achtsamkeit ist ein Gut, das in der heutigen Zeit immer mehr verloren geht, ist aber, genauso wie Liebe und Mitgefühl, wichtiger ist als alles andere. Anderen immer nur die Schuld zuzuweisen, ist eine wesentliche Ursache für Unzufriedenheit. Mitgefühl für das Leiden anderer bedeutet mehr als bloßes Mitleid. Wirkliches Mitgefühl ist kraftvoll und stets ein Antrieb zum Handeln, zur Fürsorge, zum intelligenten Eingreifen.

Unproduktive Arten, um schwierigen Situationen zu begegnen sind: leugnen, ärgern und wütend sein, Depression, Resignation, Niedergeschlagenheit, unreflektiertes Fliehen und Kämpfen. Erst das Bewusstmachen, Tätig werden und Wiederloslassen versetzt uns in die Lage, Leiden zu vermeiden. Spirituelles Üben dreht sich nicht um Äußerliches, sondern findet in unserem Herzen und in unserem Geist statt. Dazu brauchen wir Geduld. Wichtig ist, unbeherrschte Geisteszustände zu erkennen und abzubauen.

Es ist aber noch wichtiger, Schicksalsschlägen, Schwierigkeiten und Unglück mit einer positiven Einstellung, Optimismus und Hoffnung zu begegnen. Wenn wir zum Beispiel über Ärger nachdenken, können wir zu der Einsicht kommen, dass Ärger absolut sinnlos ist und immer nur mir selbst schadet. Mit Entschlossenheit können wir dann daran arbeiten, Ärger schrittweise zu verringern. Wenn mich etwas immer wieder wütend macht, findet an dem Tag etwas Neues statt, an dem ich mich entscheide, nicht mit Ärger zu reagieren. Gut dazu, ist eine Übung der Achtsamkeit, in der ich alles, was ich wahrnehme, registriere, einfach wunschlos beobachte, nicht kommentiere, nicht beurteile, nicht benenne, einfach so stehen lasse. Yoga hilft dabei innovativ, zu sein und eine Intelligenz zu entwickeln, die eine neue Beziehung zwischen Ego und Umwelt aufbaut.

Ähnlich können wir das in Bezug auf Gefühle wie Lust, Zorn, Eifersucht und Hass praktizieren und dadurch unsere Einstellungen dazu positiv verstärken. Hoffnungslosigkeit ist ein schwerwiegender Grund für Misserfolg. Unter keinen Umständen sollten wir die Hoffnung verlieren und nie vergessen, dass jedes Problem überwunden werden kann. Gelassen bleiben, auch dann, wenn es in manchen Situationen kompliziert und aussichtslos erscheint. Solange der Geist in Frieden bleibt, ist alles nicht so schlimm. Wenn der Geist dem Hass nachgibt, kann sich kein geistiger Frieden entwickeln, deshalb brauchen wir eine positive Einstellung gegenüber Schwierigkeiten. Indem wir schwierige Situationen mit Würde durchstehen, können wir noch schlimmere Konsequenzen von zukünftigen schlechten Handlungen verhindern.

Fünf Schmerz verursachenden Leiden (Klesa) behindern uns in unserer Weiterentwicklung, weil sie das Gleichgewicht des Bewusstseins stören:

1. Avidya: Nicht-Wissen, Nicht-Verstehen, falsches Verstehen, Unbewusstsein
2. Asmita: Ich-Verhaftung, Stolz, Hochmut, Egoismus, falsche Identifikation
3. Raga: Leidenschaft, Wunsch, Gier, Anhaftung, Begierde, v.a. am Vergnügen
4. Dvesa: Nichtmögen, Abneigung, Hass, Ablehnung, v.a. gegen Schmerz
5. Abhinivesa: Furcht, Angst, Anhaften, vor allem am eignen Leben

Jede/r Einzelne muss bereit dazu sein im Leben etwas tun um Veränderungen zu zulassen und anzunehmen. Jammern hilft nicht. Klesas sind im Yoga veränderbar und werden nicht einfach so hingenommen, unterdrückt oder verleugnet, sondern sollen gelöst werden. In der Bhagavad Gita erklärt Arjuna die Bedeutung des Yoga als Befreiung von Leid und Sorgen, wenn der Geist gebändigt und von allen Begierden erlöst ist und die Vereinigung mit dem höchsten Selbst übt. Wer in Ernährung und Vergnügen mäßig ist, in seinen Handlungen Zurückhaltung übt und Schlafen und Wachen regelt, dem wird das alle Leiden tilgende Yoga zuteil.

Wir alle haben Leiden, weil Fluten von Gedanken die Harmonie des Geistes stören. Wir sind gefangen in einem Netz aus Lust, Ärger, Hass, Gier, Besessenheit, Verblendung, Stolz, Eifersucht usw. Wenn die Leiden verringert oder beseitigt werden, kommt der Geist zur Ruhe. Lassen wir den Leiden freien Lauf, können psychosomatische Erkrankungen die Folgen sein. Gefühle sind aber auch der Antrieb für unsere Entwicklung. Deshalb müssen wir lernen, diese zu kultivieren. Das ist nur möglich, indem wir uns mit unseren Gefühlen auseinandersetzen und dann wiederum die frei werdenden Energien für uns nutzen. Wir dürfen Gefühle nicht einfach unterdrücken, ignorieren, aber genauso wenig dürfen wir uns zu sehr mit unseren Gefühlen identifizieren.

Wer ein Problem erkennt und sich entscheidet, daran etwas zu ändern, muss dieses Problem anerkennen, um dann die Ursachen zu ergründen. Um uns zu helfen gibt Patanjali den Rat, äußere heilsame Geisteszustände zu kultivieren: Freundlichkeit, Freude am Glück anderer, Mitgefühl und Gelassenheit gegenüber Kummer, Untugenden und Laster. Jede andere Reaktion, wie Neid, Eifersucht, Ärger, Empörung oder Unmut, erzeugt keinen Frieden. Je mehr wir es schaffen, heilsame Geistesbewegungen umzusetzen, unser Ego zurückzunehmen und weniger anhaften, umso mehr bringen wir unseren Geist unter Kontrolle und unser Herz zur Ruhe. Nur so können die Leiden des Körpers verringert oder beseitigt werden. Der Geist findet dann den rechten Weg, um auf dem spirituellen Weg seine nächste Aufgabe zu bewältigen. Auf dem Weg nach innen verringert Yoga-Praxis Klesas durch Meditation (Dhyana) und fördert Samadhi. Bemerkenswert ist, dass Gefühle durch Prana beeinflusst werden das heißt, dass wir über die Atmung in der Lage sind, auf Gefühle direkten Einfluss zu nehmen.

Patanjali beschreibt neun Krankheitsformen, die er in physische, emotionale und seelische unterteilt und zeigt dann, wie man diese mit Hilfe des Achtfachen Pfades überwinden kann.

In Avidya, der Unwissenheit, liegt der Grund, aus der heraus die anderen vier Klesas genährt werden. Durch Unwissenheit werden unsere Begierden getrieben und wir halten das Vergängliche, Unreine, Leidvolle fälschlicherweise für das Reine, Freudvolle. Beispielsweise bemüht sich unser Körper von Natur aus rein zu bleiben. Mit Hilfe unterschiedlicher Reinigungspraktiken können wir unseren Körper dabei unterstützten. Oft machen wir aber genau das Gegenteil. Von Natur aus ist nicht vorgesehen, dass wir uns mit allen möglichen Konservierungs-, Geschmacks-, Aroma- und Farbstoffe voll stopfen. Die Natur hat auch nicht vorgesehen, dass wir unseren Körper zum Grab von Tierleichenteilen machen. Jedes Lebensmittel, das wir zu uns nehmen, wird ein Teil von uns. Ist es die Schönheit und Komplexität der kosmischen Intelligenz, die durch Naturbelassenheit zum Ausdruck kommt, so ist es dieselbe kosmische Intelligenz, an der wir dann Teil haben. So wie wir uns mit unserem Körper identifizieren, identifizieren wir uns auch mit unseren Talenten, Fähigkeiten und Neigungen. Oft halten wir das Schmerzvolle für gut und freudvoll, aber das Sinnliche ist letztendlich nicht wirklich freudvoll. Avidya hindert uns daran, die Wahrheit zu sehen.

Asmita ist die Ursache von intellektuellen Leiden: mangelndes Verständnis, Arroganz und Stolz, ein intellektueller Defekt, der im Kopf beginnt. Ein Ego, das sich aufbläht und selbstgefällig wird. Dadurch geht das Gefühl für ein rechtes Maß und die Rücksichtnahme für andere verloren. Wir leiden, sobald wir keine Anerkennung bekommen oder Kritik an unserer Person geübt wird.

Raga, steht für emotionale Defekte: Anhaftung, aber auch Abhängigkeit und Aversion. Wenn man vollkommen befriedigt immer noch mehr haben möchte, führt das zur Abhängigkeit, da keine Befriedigung mehr erreicht werden kann. Dadurch entsteht Schmerz, Unglück oder Neid. Es ist das Anhaften an Dingen, an Menschen, aber auch die zwanghaft, pervertierte Liebe zu Tieren oder zu Gegenständen, wie z.B.: Autos.

Gier, Neid, Macht, Geld, Sex. Gier ist das größte Verhängnis vieler Menschen. Die anderen Triebe resultieren daraus. Triebe die die Ich-Du-Beziehung zu einer Ich-Es-Beziehung werden lassen. In einer Es-Beziehung wird mit allem als Objekt des Besitzes umgegangen, sowohl im Handeln als auch Nutzen, der daraus gezogen wird. Missbrauch auf der sachlichen Ebene schadet dem Ego. Dankbarkeit gegenüber allem ist hier das richtige Gefühl, dann hat das Ego nichts mehr zu tun. Ein egobezogenes Ich verlangt ständig, dass man seinen Launen nachgibt und seine Ängste beruhigt, wobei das nie möglich ist, weil es nie zufrieden ist. Augustinus sagt: »Liebe, und dann tu´ was du willst!« Tue was du tust, sei hundertprozentig bei dem, was du tust – absichtslos, und lass dich von nichts und niemandem täuschen, auch nicht von Dir selbst!

Dvesa ist eine emotionale Abneigung, vor allem gegen Schmerz, die sich in Hass umwandeln kann und aus der heraus wiederum psychosomatische Krankheiten entstehen können. Aber aus den eigenen Fehlern können wir nur lernen, wenn wir das Göttliche in jedem Menschen sehen.

Abhinivesa ist eine instinkthafte Anhaftung. Abhinivesa ist das Klesa, das am schwierigsten zu überwinden ist, aber selbst dafür zeigt uns Patanjali einen Ausweg. Leiden entsteht erst dann, wenn Menschen an Vergänglichem festhalten. Das größte Leid entsteht durch das Festklammern am eigenen Leben, dem Leiden an der Veränderung, das ist der Nährboden für alle anderen Ängste.

Krankheit ist nicht nur physisch, sondern alles, was das spirituelle Leben stört und behindert ist Störung oder Leiden. Kranksein heißt, dass ein Körperteil seine Sensibilität verloren hat. Gesundheit ist mehr, als einfach nicht krank zu sein.