Yogablog

Herz über Kopf

1 Nov 2020

Stell dir vor, dass es vor langer Zeit einen Tag gab – irgendwo, vielleicht in einer Höhle – und ein Mensch kommt vielleicht mit ein paar Beeren oder einem kleinen toten Tier hinein und setzt sich um es zu essen. – Dann sieht er jedoch, dass schon ein anderer Mensch in der Höhle ist, und es gibt einen Moment der Spannung, indem sich beide anschauen, um zu erkennen, wer größer und stärker ist, wer dem anderen die Nahrung wegnehmen wird. – Und dem mit dem Essen kommt ein seltsamer Gedanke in den Sinn. Er nimmt seine Beeren oder was auch immer und bietet davon einige oder auch alle dem anderen an – ohne Streit oder Prügelei, einfach nur, weil er spürt, wie hungrig der andere ist . – Am nächsten Tag geht der Mensch wieder hinaus und sucht nach Nahrung, und er nimmt wahr, dass das Auffinden von Nahrung heute wesentlich leichter ist. Da streift ein unsagbar heiliger Gedanke seinen Geist, und er sagt sich: »Vielleicht finde ich heute leichter Nahrung, weil ich meine Nahrung gestern geteilt habe.« – Und stell dir jetzt vor, sowas passiert dir heutzutage z.B. im Straßenverkehr – und du bremst für andere oder nimmst mehr Rücksicht – ohne immer gleich halb durchzudrehen!? ... oder oder oder ...

Du siehst Menschen, die sich aus einer Unterhaltung ausklinken, um eine ankommende SMS zu lesen, und fängst an, das für normal zu halten. Also tust du es mit anderen Menschen auch. – Jedes Mal, wenn du dich so verhälst, erschaffst du einen Samen, der dafür sorgt, dass Menschen einander ignorieren. Bald schon ignoriert jeder jeden und erschafft dabei Samen, die dafür sorgen, dass das allgemein akzeptierte Ignorieren noch sehr, sehr lange anhält. Ja, es entsteht eine ganze Kultur der Ignoranz.

Leid

1 Okt 2020

Siddhartha erkannte, dass Menschen nicht nur leiden, wegen Katastrophen, Kriegen oder Epedemien, sondern dass Leid aus Ängsten, Enttäuschungen und Unzufriedenheit ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz ist. Menschen jagen Geld und Macht hinterher, häufen Wissen und Reichtümer an. Aber was sie auch erreichen, sie werden nie zufrieden. Es ist nie genug. Wer arm ist will reich sein. Wer eine Million hat, träumt von zwei. Wer zwei Millionen hat, will zehn. Bis Krankheit, Alter und Tod ein Ende setzen und sich alles Angehäufte in Luft auflöst.

Was macht Leid aus? Wie kann man ihm entkommen? Ursache des Leids sind weder Schicksalschläge noch soziale Ungerechtigkeit, sondern vielmehr die eigenen Denk- und Verhaltensmuster.

Jede Erfahrung erweckt Begehren. Begehren schürt Unzufriedenheit. Unangenehme Erfahrungen will jeder vermeiden oder wieder los werden. Angenehme Erfahrungen sollen nie enden. Daher ist unser Geist immer unzufrieden und rastlos, um vor Trauer und Leid zu fliehen oder immer größeren Freuden nachzujagen.

Ursache des Leids ist Begehren; wir können uns nur vom Leid befreien, wenn wir uns vom Begehren befreien; und wir können uns nur vom Begehren befreien, wenn wir lernen, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist.

Leid und Glück entspringen einem Naturgesetz, unabhängig von Göttern. Wenn wir uns vom Leid befreien, kann uns kein Gott mehr etwas anhaben. Wenn wir von unseren Begierden beherrscht werden, kann uns kein Gott der Welt vom Leid befreien.

Eine Erfahrung annehmen, wie sie ist, verursacht kein Leid. Ein Mensch der nicht begehrt kann nicht leiden. Wenn wir Trauer empfinden, ohne ein Ende dieses Zustands herbeizusehnen, dann können wir diese Trauer spüren, ohne unter ihr zu leiden. Wenn wir Freude empfinden, ohne uns nach immer mehr und immer intensiverer Freude zu sehnen, können wir diese Freude erleben, ohne dabei unseren inneren Frieden zu verlieren.

Konzentrieren wir uns auf eine einzige Frage: »Was spüre ich in diesem Momemt wirklich?«, anstatt wieder einer anderen Frage hinterher zu jagen: »Was würde ich in diesem Moment lieber spüren?«, können wir einen inneren Zustand erreichen, indem wir Dinge so akzeptieren, wie sie sind. Dazu kommen ethische Verhaltensregeln: nicht töten, nicht stehlen, sexuelle Ausschweifungen vermeiden, da diese Handlungen die Begierden nach Macht, Reichtum und Lust anfachen. Bei einiger Überlegung verstehen wir, dass nicht die Befriedigung eines Begehrens, das Glück in sich trägt, sondern das Freisein von ihm. An die Stelle des Begehrens tritt ein Zustand völliger Ruhe und Gelassenheit. Wer das Leid hinter sich lässt, erkennt die Wirklichkeit mit äußerster Klarheit, ohne jedes Wunschdenken. Auch wenn unangenehme Erfahrungen gemacht werden, verursachen diese kein Leid mehr.

Die Leichtigkeit des Seins

13 Sep 2020

Setz dich hin.

Richte dich auf.

Lausche deinem Atem.

Lass los.

Werde leer.

Lausche in die Stille.

Auf die Frage: »Und ist es nicht mehr?«, die Antwort: »Es ist nicht weniger.«

Bilder, Gedanken, Gefühle, lass sie zu, aber halte sie nicht fest. Lass sie ziehen oder stehen. Bewerte sie nicht. Regelmäßiges Üben hilft. Dass wir um den Weg wissen, ist zu wenig. Wir müssen ihn gehen. Nicht: »Dort ist dein Pfad, den du gehen sollst«, sondern: »Dort, wo du gehst, ist dein Pfad«, muss es heißen.

Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Bewusstsein, Offenheit, Weite, Lebendigkeit weisen darauf hin, immer, zu jeder Zeit, an jedem Ort, mit großer Sorgfalt und achtsam zu leben. Leben ist Präsenz im Präsens. Das Leben lebt sich selbst und wir können aktiv daran teilnehmen – wenn wir wollen. Der Wille muss da sein. Wer vermag alles, restlos alles, loszulassen um frei und offen die Gegenwart und die Zukunft zu gewinnen, indem er präsent im Präsens, ganz loslässt, verankert sich im Sein, das ein Werden ist, in der einen Wirklichkeit, die immer wirkt und sich verändert. Befreit aus der Getrenntheit erlebt er die Heimat.

Selbstreflexion und kritisches Denken geben uns die Bescheidenheit und die Aufgeschlossenheit zu bemerken, wann es Zeit wird, unser Denken zu ändern: wenn unsere Ansichten mit den Beweisen kollidieren oder wenn wir uns aus irgendwelchen Gründen an etwas klammern, das nicht mehr richtig ist.

The Sikh greeting is: »Sat Sri Akaal.« It means: »The supreme consciousness is the Truth.« Deejay, 29. August 2020

Die Wahrheit ist es, die sich nicht verändert.

Werde hörend

12 Aug 2020

»Werde der du bist.«

»Ich bin, der ich bin.«

»Du darfst sein, der du bist.«

Der historische Jesus sagte: »Wer mir folgen will, der sage Nein zu seinem Ego, nehme sein Schicksal in die Hand und gehe wie ich den Weg.«  Matthäus 16, 24

Es geht um nichts anderes als, vom Ego befreit, in völligem Loslassen aller Dinge dem Wirken der Wirklichkeit Raum zu geben, sich der wahren Wirklichkeit zuzuwenden.

Es geht darum, recht zu reden, recht zu denken, recht zu leben. Die Nachfolge Jesu ist keine Lehre, sie ist ein Weg und kann in direkte Verbindung zu Zen, zu Tao, zum Sitzen, zur Meditation und so auch zum achtfachen Pfad des Yoga gebracht werden.

»Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selber reden zu hören, beten heißt, still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.«  Søren Kierkegaard

»Yoga hat viele gute gesundheitliche Nebeneffekte. Aber darum geht es letztendlich nicht. Der Weg, der achtfache Pfad des Patañjali, ist ein anderer. Yoga, Sitzen, meditieren, das sind alles nur Werkzeuge, die uns gegeben sind, um uns gut vorzubereiten, um wach zu sein, da zu sein, präsent zu sein, bereit zu sein. Was sich daraus entwickelt oder was kommt, wird sich zeigen. Wir können nichts erzwingen. Wir können nur offen sein, um zu empfangen.«  Gudrun Keller, Neresheim 2020

Loslassen. Zur Ruhe kommen. – Und dann?

11 Jul 2020

Gib alte Gewohnheiten auf, die dich an neuen Erfahrungen hindern.

Lass deine Gedanken zur Ruhe kommen. Werde leer. Komm in die Leerheit. Ruhe und Stille breiten sich aus.

Tiefe klare offene Weite. Offen sein für das, was der Moment bringt.

Zen sagt uns, was wichtig ist. Ich brauche nicht mehr zu tun.

Wissend werden – nicht glauben! 

Auch wissen, wenn ich nichts weiß.

Oftmals findet im Sitzen, gerade weil die Gelegenheit zur Rede nicht gegeben ist, ein eminent inneres Reden statt. Aus Sicht des Zen betrachtet, begegnet man dem inneren Reden mit Zulassen. Wir sind voll mit Bildern, Gedanken, Worten, Impressionen, Vorstellungen, Meinungen und Bewertungen, das sind Teile der Wirklichkeit, die wir sind. Wenn ich nun sitzte und sitze und sitze, kann es geschehen, dass ich immer weniger zu denken und zu sagen habe, entweder, weil alles gedacht und gesagt ist oder weil es mir zu dumm und zu langweilig wird, immerfort nur um ein und dasselbe zu kreisen. So werde ich still, werde ein Hörender, höre, ja lausche, was mir die Wirklichkeit sagen will. Nun ist sie es, die Gefühle in mir weckt, mir die Begriffe gibt. Und ich beginne auf neue Weise zu begreifen. Ich begreife, dass es Dinge gibt außerhalb meines Denkens, Dinge, die nicht so sind, wie ich sie mir denke und wie ich sie haben will, Dinge, die ein Eigenleben haben. Ich vernehme, werde aufmerksam. [...]

Auf solche meditative Weise entsteht, Wirken, [...] das als reines Wirken stattfindet, in dem das Ich, das Selbst, das Denken und das Nichtdenken enthalten und aufgehoben sind. Dieses ist das Licht, das uns allen in die Kindheit scheint, in der wir schon immer sind, in der Heimat der Identität, die in jedem mit Bewusstsein gelebten Augenblick neu Wirklichkeit wird.

Zitate von Dr. Karlheinz Bartel aus: »Was Hegel denkt, praktiziert Zen«

Sei einfach da. Nimm an, was ist. Lass zu, was du über deine Sinne aufnimmst, aber klammere dich nicht daran fest, lass die Gedanken kommen und gehen, atme ruhig ein und aus, beobachte den Atem.