Yogablog

Hegel, Zen & Tao

10 Mai 2020

Handeln, durch Nichthandeln. Geschehen lassen.

Mach dich frei, gewinne deine kindliche Unschuld in der Betrachtung und Bewertung des Lebens zurück. Frei von Berechnung, absichtlichem Verhalten um eines Vorteils willen, ohne Motiv, frei von Sorgen und Gedanken.

Sitze, spüre den Atem; du wirst dies und das denken. Lass das alles geschehen und du wirst im Hier und Jetzt sein. 

Leben findet ausschließlich in der Gegenwart statt.

Nur weil das Sitzen nach absoluter Stille aussieht, geht es im Zen nicht einzig um das Schweigen, sondern um das Eins-Werden mit dem was ist. Ist das, was ist, das Denken, dann bedeutet eins zu werden mit dem, was ist, ganz eins zu werden mit dem Denken. Findet im Sitzen Nichtdenken statt, so geht es darum, mit dem Nichtdenken eins zu werden. [...]

Zen wäre nicht Zen, gäbe es im Zen eine Abwertung des Denkens. [...]

Ob Denken oder Nichtdenken ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, zu beobachten, was ist und sein will, und das durch Bilder und eigene Gedanken nicht zu bewerten. Mit der Tätigkeit des Bewertens haften wir am eigenen Denken an. Die Gefahr dabei ist, im bewertenden Denken hängen zu bleiben. Damit wären wir aber nicht mehr unmittelbar bei der Wirklichkeit, sondern bei der Bewertung derselben, bei unseren Meinungen darüber, und das bedeutet: wir verharren in der Entzweiung und wären nicht mehr mit der Aufhebung derselben beschäftigt. Während Hegel hört, was die Wirklichkeit über sich selber »sagt« leitet Zen dazu an, die Wirklichkeit zu realisieren. Wo Hegel noch im Denken, d.h. in der Erkenntnistheorie hängt, ist Zen immer schon Lebenspraxis.

Zitate von Dr. Karlheinz Bartel aus: »Was Hegel denkt, praktiziert Zen«

Innere Freiheit durch Selbstwahrnehmung und wache Aufmerksamkeit

9 Apr 2020

Ein Schlüssel zur inneren Freiheit über den Impuls bei Ereignissen, die starke Emotionen in mir auslösen, sofort zu handeln, ist mich selbst zu beherrschen. Das bedeutet: der Herrscher über mich und damit auch über meine Gefühle zu sein und zu bleiben – und Wut herunterschlucken.

Sehr selbstbeherrschte Menschen verlieren oft die Sensibilität für sich und andere, verlieren Empathie, werden innnerlich abgeschlossen und hart. Oder lassen ihre Wut erst später gegenüber Unbeteiligten aus.

Gefühle drängen uns dazu, etwas zu tun, da wir einem inneren Impuls nachgeben. Die Emotion ist der aktive Impuls des Gefühls, die uns zum Handeln bringt. So hat z.B. Ärger und derjenige, der den Ärger in uns auslöst, Macht über uns, indem unsere Gedanken, unser Handeln und unser Gefühlsleben beeinflusst werden und derjenige somit Einfluss auf unser Innenleben nimmt. 

Ein wichtiger Schritt zur inneren Freiheit ist für mich, mit meinem Innenleben vertrauter zu werden und durch meine Wahrnehmung zu meinem Innenleben einen Abstand zu schaffen. Selbstwahrnehmung, als Alternative zur Selbstbeherrschung, bedeutet: anstelle direkt zu handeln, den Handlungsimpuls erst einmal nur wahrzunehmen und nichts zu tun. Agieren und nicht nur reagieren! Das bedeutet Emotionen wahrzunehmen, auch wenn diese drängend und schmerzlich sind, diese auszuhalten und dadurch zu akzeptieren. Ohne analysieren, kommentieren, bewerten. Es ist gleichsam wie das Verhalten eines beobachtenden Zeugen. Es geht darum nichts verändern zu wollen und sich selbst auszuhalten, ohne sich zu einer schnellen Reaktion hinreißen zu lassen. Es geht darum, frei zu sein in der Entscheidung, wie und wann ich handle – und agiere – und nicht einfach nur reagiere, auf das Agieren eines/r Anderen hin. Sobald ich in blinder Wut reagiere, erlaube ich dem Gegenüber Macht über mich, mein Handeln und meine Gefühle auszuüben. Wichtig ist, dass ich in meiner Entscheidung zu Handeln innerlich frei bin. Innerlich freier zu werden ist ein anspruchsvoller, manchmal auch schmerzhafter Prozess. Aber der Zugewinn an innerer Freiheit wächst in dem Maße, indem ich lerne Spannungen auszuhalten. Daraus erwächst die Freiheit, das zu tun, was ich als richtig erkannt habe.

Wir müssen erkennen, dass Kräfte, wie Angst, Sorgen, Spannungen usw. Herausforderungen sind, die zum Leben gehören, an denen wir wachsen und die uns helfen innere Stabilität zu entwickeln. Entziehen wir uns diesem Spannungsfeld, verpassen wir den Zugang zu unserer inneren Entfaltung. Wenn wir davon ausgehen, dass alles, was innen ist unweigerlich außen im Körper zum Ausdruck kommt, verkrampfen diese Spannungszustände die körperliche Haltung.

Leben in Freiheit

8 Mär 2020

Ich muss alles loslassen, damit ich in der Gegenwart präsent sein kann. Loslassen, um in die Präsenz zu kommen. Die Gegenwart. Den Augenblick leben. Keine Wertung, nichts. Nicht trennen, nicht unterscheiden!

Die Gesetzte des Handelns durch Nichthandeln, durch Geschehenlassen, entziehen sich jeder intellektueller Interpretation. Man kann sie in ihrem vollen Umfang nicht verstehen. Aber man kann sie sehr wohl nachleben.

Ein Leben, ohne bestimmte Absicht zu leben, ohne das Ziel, etwas zu werden oder etwas erreichen zu wollen ist: motivlos. Die Weisen des Tao haben für diese unbefangene Art, ihre Tage zu verbringen, ein sehr zartes Gleichnis gefunden: »Einen See, über dessen glatter Wasserfläche ein Kranich fliegt. Der Kranich spiegelt sich im See, aber weder der Kranich noch der See rufen diese Spiegelung absichtlich hervor.« So federleicht soll im Idealzustand unser Leben aussehen.

Absichtslos, gelassen, loslassen, lösen von allen Bindungen materieller und ideeller Art. Sobald wir davon innerlich frei sind, wird unser Leben vollkommen sorglos verlaufen. 

Freiheit von aller inneren Gebundenheit und Leben in der Gegenwart. Mehr ist nicht notwendig – aber mit weniger geht es auch nicht.

Es geht um nichts anderes als, vom Ego befreit, in völligem Loslassen aller Dinge, dem Wirken der Wirklichkeit Raum zu geben, sich der wahren Wirklichkeit zuzuwenden. Es ist nicht: »nichts Tun« – es ist: »Nicht-Tun«. Es ist die innere Freiheit des nicht Entscheidens. Das Loslassen, geschehen lassen.

Instinkt

7 Feb 2020

Warum tut ein Huhn was es tut? Du weist es nicht? Ich auch nicht! 

Gene? – DNA? – Instinkt? – Weist du etwa nicht, was das ist?

Wissbegieriger: »Warum fliegen Vögel vor dem Winter gen Süden?«

Wissenschaft: »Instinkt.«

Zu deutsch: »Wissen wir auch nicht!«

»Das ohnmächtige, vollkommene Ausgeliefertsein an ein Fremdes, Bedrohliches: Leben, die Natur; an ein dem Mensch, der Existenz feindliches Sein.« Gerade beginnen wir zu verstehen, wie das Leben biologisch entstanden ist, wir stehen kurz davor, den Ursprung des Universums zu begreifen. Aber die eigentliche Frage, das Warum, werden wir nicht beantworten. Unser Leben begreifen wir immer nur mit unserem Verstand, wir können es immer nur mit unseren Begriffen beschreiben, etwas anderes haben wir nicht. Aber der Natur, dem Leben, dem All bedeuten diese Begriffe nichts. Das alles ist einfach nur da.

Alles hat ein eigenes wahres Wesen. Aber der Mensch hat den Verstand, und der lässt sich schnell narren. Viele Menschen schauen und horchen nicht nach innen, und folglich verstehen sie sich selbst, nicht besonders gut. Menschen sind zu kopflastig und lösen sich aus dem tragenden Netz der Naturgesetze heraus, in das sie störend eingreifen und überall ihre eigenen Absichten verfolgen.

Der lebendige Taoismus, wird im Chinesischen: Wu Wei genannt. Bedeutet übersetzt: »ohne Tun, ohne Ursache, ohne Verdienst.« Das Schriftzeichen Wei leitet sich aus dem Symbol »greifende Hand« und »Affe« her, so dass der Begriff Wu Wei, auch Nicht-Angehen gegen die Natur der Dinge oder kein vorwitztiges Eingreifen oder kein Affentheater bedeutet.

Das Leben im Tao

6 Jan 2020

Das Leben im Tao ist in dem Augenblick vollkommen verwirklicht, wenn du den Zustand schaffst, der einmal bestand, bevor dein kindlicher Lernprozess begann und du unter diversen Einflüssen und Strömungen allmählich das Bild der Wirklichkeit gewonnen hast, das heute noch dein Dasein bestimmt. Es klingt grotesk und fast unannehmbar: Aber nichts, was uns über uns und die Welt ringsherum beigebracht worden ist, hat Anspruch auf absolute Richtigkeit. Wir führen ein Leben in der Relativität der Maßstäbe, die uns unser Denken setzt. Und dieses bestimmt zugleich unsere Grenzen. Diese, gleichfalls selbst errichtet, begleiten uns wie ein unsichtbarer Käfig, der uns einschließt, aber mobil ist, so dass wir dennoch das trügerische Gefühl von geistiger Freiheit besitzen.

Beobachten ist die Grundlage für Aufmerksamkeit. Beobachten ist kein intellektueller Vorgang. Gedanken verfälschen die Aufmerksamkeit. Beobachten ist einfach. Was es kompliziert macht, ist dass wir die Fähigkeit verloren haben, etwas nur anzusehen, ohne dass wir unsere Gedanken dazwischenschalten. Auch Gedanken beobachten, ohne Stellungnahme, ohne beurteilen, ohne werten, ohne Gedanken nachzuhängen. Beobachten, Aufmerksamkeit und das Vertrauen in unsere Intuition sind die Grundlagen für ein Leben im Tao. Im Tao ist alles im Fluss, ist eine andauernde Veränderung, ist das Aufhören aller Gegensätze, ist ein ständiger Neubeginn. Alles fließt.

Physiker der Kernphysik erkannten bei subatomaren Versuchen, dass es Materie in der von uns wahrgenommenen Form überhaupt nicht gibt. Alles, was Materie ausmachen könnte, ist ununterbrochen in Bewegung, einbezogen in einen Prozess von ungeheuer schnellem Verfall und Neuerstehen. Die kleinsten Energiepartikel der Materie lassen sich nicht als Bestandteil eines bestimmten Objekts oder Gegenstands fixieren. Das gesamte Universum ist eine in sich geschlossene, gewaltige Einheit und nicht eine Ansammlung zahlloser Einzelteile. Kernphysiker bestätigen damit dieses Wissen der alten Weisen: [...] Die kleinsten Elemente unserer Materie lassen sich keinem Objekt zuordnen, sie weisen vielmehr auf eine komplexe Wechselwirkung aller Teilchen miteinander innerhalb des Universums hin. [...] Welches zugleich mit dem Namen Tao bedacht ist. Das heißt, wir leben im Tao. Wir müssen es nur zulassen – bzw. wieder lernen, es zuzulassen.